Jetzt ist Quantec wieder da, um hoffentlich allen zu zeigen, daß nicht in jedem Klassiker Röhren zu stecken brauchen. Der exotisch wirkende neue Yardstick 2402 tritt an, die Original-Algorithmen aus den 80er-Jahren mit den DSPs der 90er-Jahre wieder aufleben zu lassen, und gleichzeitig zu behaupten, daß das Design des damaligen QRS offenbar dermaßen fortschrittlich gewesen sein muß, daß Chips von der Stange erst seit kurzer Zeit das zur Wiederauferstehung notwendige Leistungsniveau erreicht haben. Beim Original-QRS wurde seinerzeit dedizierte Hardware eingesetzt, jetzt wird ein Motorola 56009-80MHz Prozessor für den gleichen Job ausgequetscht. Doch selbst um dies zu erreichen mußte noch an manchem sperrigen Detail des ursprünglichen Algorithmus gefeilt und gehobelt werden. Zwischenzeitlich folgte auch der Preis den von digitaler Technologie gewohnten Bahnen: er ist mittlerweile niedrig genug, um den Yardstick gegenüber früher für weite Kreise erschwinglich zu machen.
Die meisten Neuaufgüsse von begehrtem Equipment scheuen weder Kosten noch Mühen, deren Originale möglichst authentisch zu replizieren, die letzten original Bakelitknöpfe und Kippschalter aufzustöbern, die Original-Farbgebung möglichst exakt zu treffen, und auch sonst jeden Aspekt der ursprünglichen Erscheinung so exakt wie nur möglich zu kopieren. Lediglich die Herstellerbezeichnung verrät dann noch, daß es sich eigentlich um eine Nachahmung handelt. Der Yardstick macht diesbezüglich keinerlei Anstalten. Stattdessen fällt er genau ins entgegengesetzte Extrem und präsentiert sich mir mit dem wahrscheinlich absonderlichsten Design das mir jemals untergekommen ist. Die 1HE-Frontplatte ist von intensivem stahlblau und bietet lediglich eine absolute Mindestausstattung an Bedienelementen. Den verblüffendsten Eindruck hinterläßt jedoch diese nie zuvor dagewesene Plätte hinter dem Frontpaneel. 'Und wo ist der Rest?' ist meistens der erste Kommentar derer, die es gesehen haben, denn es ist schier unglaublich, daß in dieses Brett überhaupt irgendwelche Elektronik passen soll, geschweige denn ein vollwertiger Quantec Raumsimulator - und dann auch noch mitsamt Netzteil (Steckernetzteil - nicht bei Quantec). Schade nur daß diese Augenweide mit der Montage des Yardsticks im Rack verschwindet, wenngleich seine Erscheinung auch weiterhin höchst eindrucksvoll bleibt.
Im Vergleich zu den gängigen Prozessoren wirken beim Yardstick Display und der Rest der Frontplatte oberflächlich betrachtet ziemlich rudimentär, obwohl sich sehr schnell herausstellen wird, daß diese wenigen Elemente, auch aufgrund der eleganten Anordnung, ihrer Funktion in perfekter Weise gerecht werden. Eine kleine LCD-Anzeige, mit deren Hilfe Sie sich durch die Presets und deren Parameter bewegen, und grade mal so viele LEDs, um über den aktuellen Betriebszustand auf dem laufenden zu sein. Es gibt Pegelanzeigen mit jeweils 3 LEDs für die Ein- und Ausgänge, und eine weitere Reihe LEDs, die den Status des ankommenden Digitalsignals zeigen. Das war's dann schon - der Yardstick hat keine analogen Ein- oder Ausgänge - und somit auch lediglich AES/EBU-Anschlüsse. Dies hat zur Folge, daß die Rückwand ähnlich dünn besiedelt ist wie die Frontplatte. Neben den XLRs gibt es noch drei Stecker für MIDI und einen mit 9-Pins, um Daten mit dem PC auszutauschen - und eben jenen IEC Netzanschluß, bei dem man sich fragen muß, was um Himmelswillen er denn überhaupt speisen soll.
Es ist kaum vorstellbar, mit weniger Bedienelementen auszukommen als dem, was beim Yardstick geboten wird. Da ist der große Knopf, der seltsamerweise Pulsar genannt wird - aus blauem Aluminium wie die Frontplatte, aus der er konisch hervorsteht. Und da ist das Paar leuchtend oranger Tasten. Basta und Feierabend. Das Paradoxe daran ist, daß es dem Yardstick trotz dieser Minimalausstattung gelingt, sich als einer der bedienungsfreundlichsten und reaktionsschnellsten Prozessoren darzustellen, die mir jemals untergekommen sind. Alles ist leicht erreichbar, ohne daß spezielle Tools oder Hilfsmenüs gebraucht werden, und nichts ist weiter entfernt als ein paar Drehungen am Pulsar. Zum Teil ist diese Einfachheit der Bedienung auch dem speziellen Konzept der QRS-Algorithmen selbst zuzuschreiben, bei denen der Anwender weniger Parameter zum spielen hat, weil stattdessen der Prozessor einen Großteil der Arbeit übernimmt. Ich finde es einfach erfrischend, auf so unkomplizierte Weise an den Sound heranzukommen den ich brauche, ohne mich dafür zeitraubend Menüseite um Menüseite durch läppische Kleinigkeiten hangeln zu müssen. Ich jedenfalls würde gerne mal erfahren, wie oft diese vielen Details in der Praxis überhaupt gebraucht werden. Wer macht denn an einer Kiste mit 300 Presets viel mehr als das übliche: einen einigermaßen passenden Preset zu suchen, um dann anschließend sowieso nur an den offensichtlichen Sachen zu drehen wie Nachhallzeit, Brightness oder Predelay? - Postkarte genügt.
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'Und wo ist der Rest?' ist meistens der erste Kommentar derer, die es gesehen haben, denn es ist schier unglaublich, daß in dieses Brett überhaupt irgendwelche Elektronik passen soll, geschweige denn ein vollwertiger Quantec Raumsimulator - und dann auch noch mitsamt Netzteil |
Die Philosophie Quantecs hinter alldem wird im Handbuch ausführlich erläutert. Der offensichtlichste Unterschied zwischen dem Quantec QRS und anderen Hallgeräten ist wohl die Tatsache, daß der QRS lediglich über einen einzigen Parameter First Reflection verfügt, während Konkurrenzprodukte an dieser Stelle eine Delayline mit Mehrfachabgriffen einsetzen, um so eine ganze Sequenz von Erstreflexionen zu erzeugen. Quantec legt großen Wert auf die Tatsache, daß ein realer Raum ein einziger Signalprozessor darstellt, der mit den selben Strukturen sowohl die Abfolge der Erstreflexionen wie auch die anschließende dichte Hallfahne erzeugt - man möchte vermitteln, daß eine künstliche Trennung der beiden Phänomene die Realität ignoriert. Natürlich kennen wir alle die wichtige Rolle, die die frühen Reflexionen bei der Definition des Raumcharakters spielen. Quantec besteht lediglich darauf, daß dieses Einschwingverhalten nicht vom Rest des Effekts abgespalten werden darf. Folgerichtig wird daraus geschlossen, daß eine diskret einstellbare Erstreflexion nicht Bestandteil des Halls selbst, sondern bestenfalls ein Zusatzeffekt sein kann um ein separates Echo zu erzeugen. Dieses Echo hat seine eigenen Parameter Level und Delay, und wird auch nur in zwei Herstellerpresets überhaupt eingesetzt: Hinterhof (Backyard) und Bahnhof (Railroad Station). Beiden gemeinsam ist jener typische Slapback-Effekt, bei dem die Erstreflexion somit im Sinne eines Zusatzeffekts eingesetzt wird. Hier haben wir ein Beispiel wie hilfreich es sein kann, gelegentlich im Handbuch zu blättern. Wer nicht verstanden hat, daß die passenden Erstreflexionen bereits im zentralen Hallalgorithmus eingebettet sind, ist sicherlich zunächst irritiert von der Tatsache, daß der Parameter First Reflection in allen Konzertsaal-, Kirchen- und Hallplatten-Presets prinzipiell ausgeschaltet ist. Wer dort jetzt den Parameter First Reflection aufdreht wird damit ein Durcheinander veranstalten, bei dem die Natürlichkeit der genannten Presets völlig auf der Strecke bleibt.
Die Integration der gesamten Nachhall-Hüllkurve in einen einzigen Effekt vereinfacht das Editieren erheblich. Jeder Preset-Typ weist lediglich eine Handvoll Parameter für den Hall an sich auf: Grundnachhallzeit (bis zu 100s, auch Freeze), Vorverzögerung, Dichte, Bandbreite, sowie die Nachhallzeiten für Höhen und Tiefen bezogen als Faktor auf die Grundnachhallzeit. Auch hier stoßen wir wieder auf eine wesentliche Eigenheit des Quantec-Algorithmus, wobei wie schon vorher bei den Erstreflexionen wieder das Argument aufgegriffen wird, den Raum als einen einzelnen Signalprozessor zu betrachten, der das gesamte Frequenzspektrum geschlossen behandelt, und nicht etwa auf verschiedene Frequenzbänder aufgespalten. Das bedeutet nun keineswegs daß alle Frequenzen über einen Kamm geschert werden. Der QRS-Algorithmus behandelt die Grenzflächen des Raumes selbst wie auch die Grenzflächen der in den Raum eingebrachten Diffusoren als tieffrequente Resonatoren oder als Höhenabsorber, mit sanften Übergängen im Antwortverhalten über das gesamte Frequenzspektrum hinweg.
Viele der Parameter lassen sich nur in überraschend großen Sprüngen editieren, was mir aber wiederum durchaus logisch erscheint. Wäre der Density Parameter in Schritten von 1% einstellbar, wer würde dann überhaupt noch einen Unterschied zwischen aufeinanderfolgenden Schritten hören? Eigentlich ist es doch viel sinnvoller, weniger Auswahlmöglichkeiten zu haben, bei denen dann aber auch von Schritt zu Schritt wirklich etwas passiert - vorausgesetzt natürlich die Skala ist nicht zu grob. Ein typisches Beispiel ist die globale Korrelationseinstellung, die den Austausch des Nachhalls zwischen dem linken und rechten Kanal festlegt. 0% ist für die Kopfhörerwiedergabe bestimmt und erzeugt eine maximale out-of-head Wahrnehmung. 50% entspricht der normalen Lautsprecherwiedergabe in Stereo. 100% ist Mono.
Die Navigation durch das System überaus simpel. Der Pulsar scrollt durch die Presets (es gibt nur 17!), wobei ein Preset unmittelbar beim Durchdrehen aktiviert wird oder wahlweise erst nach Betätigen der DOWN-Taste. Im ausgewählten Preset wird der einzustellende Parameter durch Drehen des Knopfes selektiert und - wiederum mit der DOWN-Taste - zum Editieren geöffnet. Sind Sie fertig, so schließen Sie mit UP die Parameter-Skala wieder und wechseln zum nächsten Parameter. Das System-Setup öffnet sich unterhalb von Preset 1 und wird auf die selbe Weise bedient, mit Optionen wie Hard/Soft Bypass, Noise Shaping, oder Rücklaufgeschwindigkeit der LCD-Pegelanzeige. Dieser Ansatz ist flott und simpel und macht Lust, die Presets zu öffnen und an den einzelnen Parametern herumzuspielen. Anderswo hätten Sie wahrscheinlich längst wütend hingeschmissen, weil die Nachhallzeit wieder mal sechs Menüebenen tief vergraben liegt. Natürlich gibt es auch echte User-Speicherplätze.
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Wäre der Density Parameter in Schritten von 1% einstellbar, wer würde dann überhaupt noch einen Unterschied zwischen aufeinanderfolgenden Schritten hören? Eigentlich ist es doch viel sinnvoller, weniger Auswahlmöglichkeiten zu haben, bei denen dann aber auch von Schritt zu Schritt wirklich etwas passiert - vorausgesetzt natürlich die Skala ist nicht zu grob. |
Die Sounds die da herauskommen sind schlichtweg phänomenal. Wer schicke Multieffekte, Chorusse und dergleichen haben will kann das Gerät getrost vergessen. Wer dagegen auf echten Nachhall Wert legt, geschmeidig, natürlich und überzeugend, der wird wohl kaum irgendwo etwas besseres finden. Es tut gut, den vom Original her bekannten Preset Taj Mahal auch hier wieder zu finden - zusammen mit dem Petersdom und den ganzen Konzertsälen kommen alle Räume ausnahmslos überwältigend. Nehmen Sie dazu noch die Spezalitäten wie das Hallenbad, das Theater, oder auch das Plüschkino, dann ahnen Sie bereits das Potential mit dem sich hier reale Räume 100% überzeugend simulieren lassen - und all dies auch noch mit einer erstaunlichen Leichtigkeit in der Bedienung.
Der Quantec Raumsimulator war stets etwas besonderes. Jetzt tritt seine Wiederverkörperung in Gestalt des Yardsticks an, einen vergleichbaren Höhenflug hinzulegen und aufs neue alle Lorbeeren einzuheimsen. Ganz gleich ob aus akustischen, visuellen oder ergonomischen Gründen - die breite Aufmerksamkeit ist ihm gewiß.