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Wissen ist Macht

Interview mit dem deutschen Hallpapst
Wolf Buchleitner

Das Gespräch führte Elmar Krick


Im April 1982 gründete Wolf Buchleitner die Firma Quantec, in die er ein serienreifes Hallgerät mit einbrachte: den QRS. "Der Quantec" machte Geschichte und steht bei Ton-Profis nach wie vor hoch im Kurs. Wir unterhielten uns mit dem Entwickler dieses sagenhaften Hallgeräts.

KEYS: Herr Buchleitner, Sie brachten schon 1982 den Quantec QRS auf den Markt. Welche DSP-Hardware hatten Sie damals zur Verfügung und wie leistungsfähig war diese im Vergleich zu heutigen Chips?

Wolf Buchleitner: Die Generation, die mit dem PC groß geworden ist, tendiert dazu, die Fortschritte der CPUs auch auf die Signalprozessoren zu übertragen. Das stimmt so nicht. Echtzeit ist Echtzeit, daher brauchten wir damals nicht weniger Rechenleistung als heute. Nur kam diese eben nicht aus einem einzelnen DSP, sondern aus 200 bis 400 Chips, die irgendwie mehr oder weniger clever zusammengespielt haben, da hatte jeder Chip seine kleine begrenzte Teilaufgabe abzuarbeiten. Heute wird der Algorithmus sequentiell von einer einzigen Arithmetikeinheit abgearbeitet, wie beim PC.

KEYS: Die Abtastrate des QRS liegt bei 20 kHz und die Anzahl der Delays pro Sekunde bei 10.000. Ist das aus heutiger Sicht nicht eigentlich sehr wenig?

Wolf Buchleitner: Eine Abtastrate von 20 kHz führt zu einer oberen Grenzfrequenz von etwa 8 kHz. Im Fall von Hall klingt das aber keinesfalls unnatürlich, denn bereits Frequenzen weit darunter werden auf ihrem Weg von Wand zu Wand so stark geschwächt, daß der Nachhall bei höheren Frequenzen sowieso in kürzester Zeit aufgezehrt ist. Beim QRS/XL von 1986, der immerhin eine Bandbreite von 15 kHz aufwies, mußte unmittelbar nach der Auslieferung der Nullserie dem Algorithmus ein bandbreitenbegrenzendes Brickwall-Filter vorgeschaltet werden, weil unsere Kunden den scharfen Klang als unnatürlich empfanden. Bei Reparaturgeräten sind wir dann immer wieder auf User-Programme gestoßen, bei denen das Brickwall-Filter auf 4 oder gar 2,5 kHz eingestellt war.

Zum Thema Delays pro Sekunde muß ich zugeben, daß heutige Algorithmen vergleichsweise erstaunlich glatt klingen. Dies wird aber nicht mit entsprechend hoher Rechenleistung realisiert, sondern dadurch, daß dem eigentlichen Hallalgorithmus eine Delayline mit einer Vielzahl parallel geschalteter Abgriffe vorgeschaltet wird. Eine solche Struktur gibt es in einem realen Raum aber nicht, daher verursacht dieser unseriöse Trick eine ganze Reihe unangenehmer Nebenwirkungen. Ich verzichte deswegen bei meinen Algorithmen konsequent auf diese Rückwurf-Stopfmethode.

KEYS: Wie haben Sie es dennoch geschafft, einen Hall zu entwickeln, der für eine sehr lange Zeit als das Non-Plus-Ultra galt

Wolf Buchleitner: Ein Hall-Algorithmus ist ein Kunstwerk, das mit einem tausendstel der Rückwürfe und einem hundertstel der Eigenresonanzen dem Gehör die Verhältnisse eines realen Raums vortäuschen muß.

Der Rest ist ein glückliches Händchen bei der Optimierung, also bei der Beurteilung dessen, was unbedingt nötig ist, und was möglicherweise weggelassen werden kann. Das ist wie bei einem erfolgreichen Musiker, Maler oder Schriftsteller. Entweder man trifft den Zeitgeist und hat Erfolg oder man liegt daneben. Ich habe mich bei jedem Optimierungstrick konsequent gefragt: Gibt es diesen Mechanismus auch im realen Raum? Oder: Ist ein realer Raum widerspruchsfrei vorstellbar, der meinen optimierten Teil-Algorithmus auf diese Weise abarbeiten könnte? Egal ob 1982 beim Original-QRS oder heute beim Yardstick, ich leiste mir konsequent den Luxus, auf faule Optimierungstricks zu verzichten.

KEYS: Was ist das Schwierigste bei der Entwicklung bestimmter Algorithmen?

Wolf Buchleitner: Besonders kritisch bei langen Räumen ist der Verlust der Transparenz bei Sprache und schnellen Melodielinien sowie eine metallische Verfärbung im späten Aushall. Bei kurzen Ambiencen oder Platten besteht dagegen die große Gefahr, daß die räumliche Zuordnung verschoben wird. Oder Flöte und Oboe sind plötzlich so breit wie das ganze Orchester.

KEYS: Wo liegen die wichtigsten Unterschiede zu den Hallalgorithmen üblicher, preiswerter Multieffektgeräte?

Wolf Buchleitner: Hallalgorithmen, die selbst in einem fertigen Mix jedes Instrument unterschiedlich stark und zur momentanen Spielfigur passend verhallen, sind sehr verbreitet, man findet sie in Form von Kirchen, Konzertsälen und Opernhäusern. Aber auch der QRS-Algorithmus gehört dazu.

Die Hallalgorithmen üblicher, preiswerter Multieffektgeräte können dies nicht oder nur zufällig. Und offenbar, wie A/B-Vergleiche immer wieder zeigen, können auch die teuren Nobelgeräte gerade dieses nicht. Jeder Lexicon-Anwender weiß, daß ziemlich bald Schluß ist mit der Transparenz, wenn er den Hall einem kompletten Mix zugibt. Beim QRS sind dann noch mindestens 8 bis 10 dB Luft bis zur Schmerzgrenze.

KEYS: Wie kann ein Heimproduzent die Qualität eines Hallgeräts am besten testen?

Wolf Buchleitner: Als erstes kommt der Klicktest mit Fingerschnipsen, Wood-Block oder Rim-Shot. Nach dem ersten Klick muß die Rückwurfdichte innerhalb kürzester Zeit gegen unendlich gehen, und im Aushall dürfen keinerlei Rhythmen wahrnehmbar sein.

Der zweite Test erfolgt mit einem schmalbandigen Instrument wie zum Beispiel einer Flöte. Dies nenne ich den "Badezimmertest", mit dem man die Eigenresonanzdichte überprüfen kann. Ist der Nachhall bei allen Tönen gleich lang? Werden manche Töne bevorzugt, während andere fast gar nicht nachhallen? Dröhnt da vielleicht was?

Mein dritter Test ist ein Beispiel mit einem trocken aufgenommenen Männerchor oder auch Opernsolisten, Carmina Burana geht auch. Mit dem Ende jeder Phrase stoppe ich das Original für einen Moment und höre mir den Aushall an. Stört da vielleicht ein metallischer Beigeschmack, vor allem gegen Ende des Aushalls?

Viertens prüfe ich einen möglichen Verlust an Transparenz durch den Hall. Dazu brauche ich eine Kombination von Dauertönen und perkussiven Klängen. Ich bevorzuge Querflöte und Cembalo - beides Instrumente, die ich auch selbst spiele - ein Satz aus einer Orchestersuite von Bach ist ideal. Wenn ich jetzt viel Hall dazugebe, geht die Flöte vollständig im Hall unter, was zum relativ trägen Attack der Flöte ja auch gut paßt, während die kurzen Picks auch umfangreicher Cembalofiguren nahezu unverhallt bleiben. Die Picks sind nämlich so kurz, daß sie im Anhall gar nicht richtig hochkommen, und deshalb ist auch deren Aushall im Vergleich zur Flöte viel leiser.

Den fünften Test mache ich gerne mit einem guten MIDI-Wavetable und einem Arrangement für ein klassisches Instrumental-Ensemble. So habe ich keinerlei Aushall, und kann die einzelnen Instrumente per Panpot auf der Stereobasis aufreihen wie auf einer Wäscheleine. Wenn ich jetzt den Hall dazugebe, darf sich keins der Instrumente irgendwie räumlich verschieben oder gar aufblähen.

KEYS: Wie wichtig ist Ihrer Einschätzung nach ein guter Hall für den Gesamtklang einer Pop-Produktion? Mißt man dem Hall nicht vielleicht manchmal sogar zu viel Bedeutung bei?

Wolf Buchleitner: Eine Pop-Produktion, die natürlich klingen soll, braucht Hall. Will ich einen synthetischen Effekt haben, dann kann ich Hallfreiheit als Stilmittel einsetzen. Als Kontrastmittel zur Erzeugung von Spannung mag eine unverhallte Stelle dramaturgisch durchaus sinnvoll sein, ebenso wie eine unvermittelte Pause oft sehr effektvoll ist. Fällt der Hall allerdings über längere Zeit weg, erzeugt das eine aufdringliche bis aggressive Wirkung, weil mir der Klang zu nahe tritt und einen gewissen Mindestabstand nicht respektiert.

Solange der Hall die Transparenz nicht kaputt macht, sehe ich keinen Grund, bei einer Pop-Produktion auf Hall zu verzichten. Transparenz bedeutet für mich, daß ich beim Hören jede einzelne Gesangs- oder Instrumentalstimme verfolgen kann.

KEYS: Wie stehen Sie der zunehmenden Verbreitung von Software-Hall in Form von PlugIns gegenüber? Wird es vielleicht sogar einmal ein natives Yardstick-VST-PlugIn für den PC geben?

Wolf Buchleitner: Zuerst die Antwort auf die zweiten Frage: Nein. Der QRS-Algorithmus hat auch heute noch, 17 Jahre nach seiner Markteinführung, genügend Potential, um weiterhin im obersten Qualitätsbereich mitzumischen. Es ist immer noch einige Jahre zu früh, ihn bereits jetzt auf Spielzeug-Niveau zu verramschen.

Ein Native-PlugIn kommt nicht in Frage, weil es bei Homerecording-Tools, die ich selbst benutze, um Soundbeispiele für unsere Website zu erstellen, immer wieder passiert, daß eine kurze Lücke entsteht, weil das Betriebssystem zufällig mehrere Jobs gleichzeitig abarbeiten muß. Nein, so könnte ich nicht professionell arbeiten.

Jetzt kommt aber Creamware mit Scope und Pulsar, wo grafische Benutzeroberfläche, Betriebssystem und TCP/IP einerseits und Audio-DSP andererseits strikt voneinander getrennt sind. Da sieht die Welt schon ganz anders aus. Da habe ich wieder professionell planbare Ergebnisse ohne Überraschungen.

Fazit: Ein Pulsar-Evaluation-Board mitsamt Third-Party-Developer-Software liegt bereits im Studio, und lediglich dieses Interview hat mich bisher davon abgehalten, mich Hals über Kopf in dieses Projekt zu stürzen und für einige Wochen abzutauchen. Mal sehen, wie weit ich damit bis zur Pro Light+Sound kommen werde.

KEYS: Herr Buchleitner, wir danken für das Gespräch.

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